Föderalistische Scheingefechte

Kaum hat Europa gewählt, ist die Diskussion um den nächsten Kommissionspräsidenten entbrannt. Das ist nicht verwunderlich. Verwunderlich aber ist, welche Akteure nun darauf pochen, dass nur Spitzenkandidaten in Fragen kommen sollten und wie schwach ihre Argumente sind.

1. Parlament versus Rat?

Es heißt, das Parlament müsse sich nun gegen Rat durchsetzen. Das ist nichts neues, denn diesen Versuch muss das Parlament bei jeder politischen Entscheidung, die es trifft, unternehmen. Durchsetzen heißt dabei immer, dass die eigenen Interessen nicht untergehen. Durchsetzen heißt dabei nie, dass das Parlament den Rat überstimmt, denn das lässt das institutionelle Gefüge der EU nicht zu. Es bedarf stets der Mehrheit in beiden Kammern.

Nicht anders ist es bei der Frage, wer die Europäische Kommission führen soll. Denn klar ist: gegen das Parlament kann kein neuer Präsident gewählt werden. Klar ist aber auch: nur der Europäische Rat kann Vorschläge unterbreiten. Hierbei sagen die Verträge allgemein, dass er seine Vorschläge vor dem Hintergrund der Ergebnisse der Parlamentswahlen mit qualifizierter Mehrheit zu treffen hat. Viel allgemeiner geht es nicht.

Was aber klar ist: das Parlament kann sich auch hier nicht einseitig gegen den Rat durchsetzen. Ausnahmslos jeder Kommissionspräsident ist immer ein Kommissionspräsident, der sowohl von einer Mehrheit der Staats- und Regierungschefs als auch einer Mehrheit im Europäischen Parlament getragen wird. Es geht gar nicht anders. Nun gegenüber der interessierten Öffentlichkeit so zu tun als läge das Primat der Entscheidung beim Europäischen Parlament, ist in rechtlicher wie politischer Hinsicht komplett irreführend. Die Initiative liegt beim Rat und jeder Versuch sich gegen den Rat zu behaupten und ihm die Initiative aus der Hand zu nehmen muss scheitern, jedenfalls dann, wenn nicht ähnliche Mehrheiten in beiden Organen zu finden sind.

2. Was heißt hier Spitzenkanditen?

Die Forderung, das Parlament müsse sich durchsetzen, wird noch abenteuerlicher, wenn man die Frage stellt, wen es denn eigentlich durchsetzen soll. Es wird gefordert, dass Parlament solle sich dafür einsetzen, dass ausschließlich ein Spitzenkandidat gewählt wird. Da von den Fraktionen der Mitte, die am ehesten ein Bündnis schmieden könnte, aber nur die Europäische Volkspartei und die Sozialisten und Demokraten Spitzenkandidaten im engeren Sinne aufgestellt haben, interpretieren einige den Begriff Spitzenkandidaten kurzerhand noch weiter als zuvor. Die liberale ALDE hatte sich dem Spitzenkandidatenspiel entzogen und ein Kompetenzteam aufgestellt, aus dem es sein europäisches Spitzenpersonal rekrutieren wollte. Und die grüne Partei tat auch bei den letzten Wahlen schon so, als könne man ein Amt mit zwei Personen besetzen.

Da angesichts der Wahlergebnisse ALDE und Grüne als „Königsmacher” gelten und es ohne mindestens eine dieser beiden Fraktionen nicht gelingen wird eine Mehrheit zu finden, wird also kurzerhand gesagt ALDE und Grüne hätten mehrere Spitzenkandidaten.

Was im ersten Moment noch plausibel erscheinen mag, ist bei näherer Betrachtung nicht tragfähig und hochproblematisch. Denn konkret bedeutet dies: die EVP hat einen Spitzenkandidaten (Manfred Weber), die S&D hat ebenfalls einen Spitzenkandidaten (Frans Timmermans), die Grünen haben zwei Spitzenkandidaten (Ska Keller und Bas Eickhout) und die ALDE hat sieben Spitzenkandidaten (unter denen die bisherige Wettbewerbskommissarin, Margrete Vestager, die aussichtsreichste ist).

Wer sich ein wenig mit Spieltheorie beschäftigt hat, erkennt schnell das Problem und kann es einfach nachvollziehen: unter den konkreten politischen Gegebenheiten heißt dies, dass EVP und S&D genau eine Chance haben, den Spitzenkandidaten zu stellen. Sie müssen alles daran setzen ihre jeweilige Person durchzusetzen, denn wenn ihnen dies nicht gelingt, dann haben sie keine weitere Chance und sind raus aus dem Spiel. Die ALDE hingegen hat sieben Optionen und ist somit in Verhandlungen deutlich flexibler. Sie hat also einen Vorteil gegenüber allen anderen. Wenn diese weite Interpretation Akzeptanz erfährt bedeutet dies, dass wir in Zukunft mit einer großen Zahl von Spitzenkandidaten in allen Parteienfamilien rechnen können, da eine Begrenzung auf einen Kandidaten irrational wäre, da dies die eigenen Chancen stark beeinträchtigt. Die Funktion, die Spitzenkandidaten damit mal haben sollten, wäre damit hinfällig.

Wenn sich aber die restriktive Lesart durchsetzt, dann gäbe es lediglich zwei Spitzenkandidaten, von denen nur einer eine realistische Chance hätte: der konservative Manfred Weber, der gerade für viele Liberale und Grüne eigentlich nicht wählbar ist, weil er in seiner Funktion als EVP-Fraktionschef jahrelang dem Autoritären Viktor Orban den Rücken frei gehalten hat.

Was passiert, wenn es keine einheitlichen Vorstellungen zu Verfahren gibt, können wir gerade erleben. Es passiert genau das, was schon nach der Theorie hochwahrscheinlich war. Derzeit wird im Wesentlichen über die Deutungsmacht bezüglich der Spitzenkandidaten gestritten. So stellt sich Manfred Weber erwartungsgemäß auf den Standpunkt, dass Vestager natürlich nicht Kommissionspräsidentin werden könne, weil sie nicht Spitzenkandidatin gewesen sei und bis nach der Wahl nicht klar gewesen wäre, wen man mit seiner Stimme für die Liberalen unterstützt habe. Diese Position wird auch vom konservativen Günther Oettinger vertreten. Der Liberale Guy Verhofstadt sieht dies freilich anders und verweist darauf, dass dieses Spitzenkandidatensystem keinen Sinn macht und sieht es nicht als verbindlich an, womit er zumindest in rechtlicher Hinsicht vollkommen richtig liegt, da die Verträge keine Spitzenkandidaten vorsehen.

Prominente Grüne treiben die Absurdität auf die Spitze und lavieren sogar ganz offensichtlich so herum, dass jedem Betrachter schnell klar wird, dass ihre Definition jeweils davon abhängt, was gerade der eigenen Machtoptionen am zuträglichsten ist. So hat der deutsche grüne Spitzenkandidat, Sven Gigold, am 21. Mai kurz vor der Wahl noch öffentlich moniert, dass die Liberalen keinen Spitzenkandidaten hätten, während nun, nach der Wahl, auf einmal die Position eingenommen wird, dass die Liberalen eben nicht einen, sondern gleich sieben Spitzenkandidaten gehabt hätten. Das Interesse ist klar: vor der Wahl waren die Liberalen Wettbewerber um Wählerstimmen, jetzt sind die Liberalen potentielle Bündnispartner um den, in den eigenen Reihen nur schwer vermittelbaren „Autokratenkandidat” (Daniel Kelemen) zu verhindern.

3. Die Entleerung des Demokratiebegriffs

Was bei dieser Betrachtung deutlich wird: es gibt einen Kampf um die Definitionshoheit und bei diesem Kampf geht es nicht um heere Prinzipien und darum was demokratietheoretisch sinnvoll ist, sondern um unmittelbare politische Macht; um den eigenen Vorteil.

Statt dieses transparent zu kommunizieren wird gerne der Bürger vereinnahmt oder das große Wort der Demokratie in den Mund genommen und behauptet, dass dieses diffuse und undurchdachte Spitzenkandidatenprinzip ein „großer Schritt zur Demokratisierung” (Ska Keller) sei. Diese große Rhetorik passt nur leider überhaupt nicht zu den Realitäten. Meine Erfahrung aus der Wählermobilisierungskampagne, die bislang noch jeder bestätigte, mit dem ich über diese Erfahrung gesprochen habe, ist ganz eindeutig: ein großer Teil der Wähler kann auf die Frage wer die Spitzenkandidaten der jeweiligen Parteien sind keine korrekte Antwort geben. Entweder wird geantwortet, dass man dies nicht wisse oder – und das war mindestens eben so häufig der Fall – es werden Antworten gegeben, die regionale oder nationale Spitzenkandidaten benennen und damit schon bei den letzten Wahlen zu einer „Spitzenkandidateninflation” beigetragen haben. Bei den Grünen wird in Deutschland deshalb meist Sven Giegold statt Bas Eickhout genannt und bei der CDU habe ich es schon erlebt, dass ein Spitzenkandidat eines Bundeslandes, David McAllister, genannt wurde, während bei der SPD fast immer Barley, die einen hohen Bekanntheitsgrad genießt, genannt wurde, während Timmermans trotz seiner wichtigen Position weitgehend unbekannt war.

Aber selbst wenn dieses anders wäre und Spitzenkandidaten wirklich im Mittelpunkt der Wahlentscheidung gestanden hätten: wieso sollte dies demokratischer sein als eine Wahl ohne diffuses Spitzenkandidaten­prinzip?

4. „Regierung” oder neutraler Mittler?

Bezeichnend ist, worüber bei dieser seltsamen Debatte überhaupt nicht (mehr) gesprochen wird. Darüber was mit Spitzenkandidaten eigentlich genau intendiert sein soll. Wie sie mehr demokratische Qualität bringen sollen. Und auch darüber, warum es offenbar so viele verschiedenen Interpretationen gibt und niemandem aufzufallen scheint, dass es substanzielle Unterschiede zwischen Spitzenkandidaten a la Weber und Spitzenkandidaten a la ALDE gibt, wird nicht gesprochen.

Dabei ist doch vollkommen klar, dass die Funktion bei beiden Interpretationen weit auseinander geht. In der Interpretation a la Weber bedeuten Spitzenkandidaten, dass jede Parteienfamilie klar kommuniziert, wer ihre Nummer 1 ist und wer den ersten Zugriff auf das Spitzenamt bekommt. Das ist – in diesem Punkt hat Weber recht – auch das Verfahren, dass am dichtesten bei den üblichen Verfahren der meisten nationalstaatlichen Wahlen ist.

In der Interpretation der ALDE mit einem Kompetenzteam hingegen wird dem Wähler keine Nummer 1 für ein Spitzenamt angeboten, sondern vielmehr der Pool definiert aus dem bei den kommenden Pesonalverhandlungen für Spitzenpositionen das Personal rekrutiert werden soll. Dahinter steckt ein anderer Anspruch, der bezüglich des Kommissionspräsidenten nicht eindeutig ist, aber bezüglich der Besetzung weiterer Spitzenpositionen dem Wähler hingegen mehr Klarheit verschafft, nicht zuletzt auch deshalb, weil nur eine Parteienfamilie den Zugriff auf das Spitzenamt erlangen wird, dieses aber andererseits nicht das einzige zu besetzende Amt sein wird.

Die ausbleibende Diskussion über die normativen Grundlagen, warum man eigentlich Spitzenkandidaten haben möchte, hat jedoch noch weitreichendere Implikationen, denn Spitzenkandidaten können im wesentlichen zwei Funktionen erfüllen:

  1. Sie können etwas mehr Aufmerksamkeit auf eine der Top-Personalien der EU lenken und tragen durch diese Personalisierung möglicherweise dazu bei, dass mehr Wähler einen Eindruck davon bekommen, was in dem Organ, dem diese Person vorsteht, passiert.

  2. Spitzenkandidaten tragen explizit zur Politisierung der Kommission bei, denn die Spitzenkandidaten grenzen sich durch unterschiedliche Programmatik voneinandern ab. Sie werben für spezifische Prioritäten.

Der letzte Punkt ist bei der Reflexion „des” Spitzenkandatensystems von zentraler Bedeutung. Denn die Kommission ist in vielerlei Belang mehr technokratische Behörde als politisches Organ mit einer gänzlich eigenen Agenda. Sie ist keine Regierung.

Unter Föderalisten ist eine zentrale Zielvorstellung bei der Weiterentwicklung der Europäischen Union, dass die Kommission zu einer Art Regierung umgebaut wird. Dieses Ziel macht in vielerlei Hinsicht Sinn, so dass man, sofern man dieses Ziel teilt, Spitzenkandidaten deswegen prima facie für eine gute Idee halten muss.

Das Problem dabei: es birgt auch Risiken, wenn man die Führung der Kommission politisiert, ohne die Verträge zu ändern. Denn zum einen entscheidet nicht der Kommissionspräsident über seine Kommission, sondern die Mitgliedsstaaten. Darunter solche mit Regierungen, die nicht unbedingt jenen Fraktionen im Europäischen Parlament zugehörig sind, die den Kommisionspräsidenten und seine Kommission gewählt haben.

Der Kommissionspräsident hat zwar seit dem Vertrag von Lissabon eine Richtlinienkompetenz, aber das ist ein rechtliches Mittel, welches Kommissare, die bestimmte politische Projekte nicht mittragen wollen, nicht unbedingt kooperativer agieren lässt und dessen extensive Nutzung die Zusammenarbeit in der Kommission deutlich erschweren würde. Eine starke Politisierung würde den Einsatz dieses Instrumentes als Machtmittel bei einer Zusammensetzung mit vielen Mitgliedern, die andere Ziele verfolgen als der Präsident, häufiger notwendig machen.

Noch größere Tragweite hat der Umstand, dass die Kommission zahlreiche Wächter- und Mittlerfunktionen hat. So kommt ihr als „Hüterin der Verträge” eine zentrale Rolle bei Vertragsverletzungsverfahren zu. Diese können vor dem EuGH nur von ihr und den Regierungen der Mitgliedsstaaten eingeleitet werden. In der Praxis werden, so nicht gerade ein Mitgliedsstaat seine eigenen Rechte verletzt sieht, werden solche Verfahren nur von Kommission angestoßen. Dass ein Mitgliedsstaat ein Vertragsverletzungsverfahren gegen einen anderen Mitgliedsstaat anstrengt, ohne das unmittelbar eigene Interessen verletzt werden, ist die Ausnahme. Gerade vor dem Hintergrund der zunehmenden Herausforderungen Rechtsstaatlichkeit in der EU zu bewahren wird es also umso wichtiger, dass es weiterhin einen starken Akteur gibt, der diese Funktion ausfüllt und dabei breite Akzeptanz erfährt. Leider aber kann diese Funktion durch eine zunehmende und sichtbare Politisierung der Kommission geschwächt werden, da dann Anwürfe, dass die Kommission willkürlich entscheidet, ob sie Verfahren anstrengt, natürlich leichter zu erheben und schwerer zu entkräften sein werden, als unter Bedingungen in denen die Kommission als fairer und politisch eher neutraler Mittler auftritt.

Spitzenkandidanten entwickeln die Kommission weiter in Richtung eines Hybriden, der unterschiedliche und miteinander nur schwer zu vereinbarende Rollen vereinbaren soll. Ohne weitere vertragliche Änderungen könnte somit zwar die Kommission politisiert werden, dieses aber um den Preis, dass ihre Rolle als Hüterin der Verträge geschwächt wird.

Da leider momentan der Großteil der politischen Führungskräfte in den größeren Parteienfamilien, von der EVP bis zu den Grünen, der Überzeugung ist, dass auf absehbare Zeit keine großen Vertragsänderungsdiskussionen angestrebt werden sollen, ist dieses Problem auf absehbare Zeit nicht lösbar.

5. Transnationale Listen führen automatisch zur Entwicklung eines Spitzenkandidatensystems

Wie die obigen Ausführungen gezeigt haben gibt es zahlreiche Widersprüche und leider keine Debatte und keine substanziellen Erklärungen dazu, warum man ein Spitzenkandidatenprinzip überhaupt braucht und warum man nicht erst einmal jene Voraussetzungen schafft, die automatisch und auf ganz natürliche Art und Weise Spitzenkandidaten hervorbringen würde; ohne das Machtkämpfe über ein sinnentleertes Spitzenkandidatenprinzip geführt werden müssten, bei denen sich die Akteure um Definitionen streiten.

Man müsste nur länderübergreifende Wahllisten einführen, die in Form einer Erst- oder Zweistimme in ganz Europa zur Wahl stünde. Dann hätte jede Parteifamilie in ganz Europa die Möglichkeit auf dieser Liste einen Spitzenkandidaten zu platzieren, der überall in Europa zur Wahl stünde. Niemand müsste mehr darüber streiten, wer „legitimer” und wer nur „angemaßter” Spitzenkandidat sei. Und auch die Inflation der Spitzenkandidaten, wie wir sie seit den letzten Wahlen erleben, würde sich rückläufig entwickeln, da dann Personen wie der Bayer Manfred Weber nicht nur in Bayern, sondern in ganz Deutschland und ganz Europa wählbar wären.

Das wir das nicht bekommen haben, hat aber ausgerechnet jener verhindert, der jetzt der Musterschüler in Sachen Spitzenkandidaten sein will…

Was soll ich wählen?

Reflexion über Wahlentscheidungen, große Parteien und kleine Parteien

Mit diesen Europawahlen habe ich zum vierten Mal vor den Wahlen an Mobilisierungskampagnen mitgewirkt. Mein subjektiver Eindruck und erstes Zwischenfazit: in keiner der vorigen Wahlen war das Interesse der Interessierten (die anderen sind nach wie vor schwer zu erreichen) so groß – oder sagen wir lieber so drängend – wie dieses Mal.

Ich habe zwischen Februar und dem letztem Mittwoch rund ein Dutzend Vorträge gehalten, Workshops durchgeführt oder als Gesprächspartner zu diesem Thema mitgewirkt. Darunter waren Schülergruppen, Lehrer, Mitglieder von Parteien und Vereinen oder Kirchengemeinden in einem Alter von 15 bis vielleicht 80 Jahren. Natürlich ist das kein repräsentativer Querschnitt, aber ich konnte Beobachtungen machen, die sich oft wiederholten.

Es fällt auf, dass viele Bürgerinnen und Bürger verunsichert sind; dass die überwiegende Mehrheit das starke Gefühl hat, dass sich ihre Welt gerade schneller und stärker wandelt, als sie das zuvor getan hat. Es fällt auf, dass Pessimismus vorherrscht. Sorge, dass das Weltklima zu einem Problem werden könnte. Sorge, dass Populisten und Autoritäre an die Macht kommen. Sorge, dass der Wandel der Arbeitswelt zu Verwerfungen führen wird oder das die eigene Altersvorsorge zu einem Problem wird. Ja, selbst Sorge vor neuen Kriegen; auch in oder mit Europa.

Grundsätzlich überrascht mich das nicht, da ich solche Überlegungen durchaus nachvollziehen kann und selbst auch gelegentliche Zweifel habe, ob und inwieweit diese Probleme proaktiv politisch adressiert werden können. Ich war allerdings selten so sehr in der Rolle in des Optimisten und fühlte mich in der Vergangenheit selten so oft in der Pflicht, die Kritik hinten anzustellen wie in diesem Jahr, da ich es in vielen dieser Gruppen erlebt habe, dass sehr viele Menschen sehr pessimistische Positionen eingenommen haben. Mitunter hatte ich gar den Eindruck, dass sich nicht wenige dystopische Szenarien ausmalen.

Vor Wahlen stellt sich Wählerinnen und Wählern dann natürlich die Frage: „Welchen Einfluss habe ich darauf, dass all diese Probleme, von denen ich glaube, dass sie nicht hinreichend adressiert werden, einer Lösung zugeführt werden?” Den Gruppen, mit denen ich es zu tun hatte, war klar, dass die Wahlen das zentrale, wenn nicht das einzige Instrument sind, mit denen sie selbst eine politische Richtungsvorgabe machen können. Ich musste eigentlich nirgendwo dafür werben, dass die Beteiligten wählen gehen.

Dieses Jahr lag der Fokus auf einer anderen Frage. Nicht auf dem Ob, wenig auf dem Wie, sondern vor allem auf der Frage „wen soll ich wählen?”. Mein Eindruck ist, dass in der Vergangenheit viel mehr Personen klare Präferenzen hatten. In diesem Jahr habe ich dies nur in Veranstaltungen mit Parteimitgliedern erlebt, aber bei parteilich ungebundenen Bürgerinnen und Bürgern eher selten. Stattdessen war oft Ratlosigkeit zu vernehmen oder Anmerkungen zu hören, dass man niemanden sähe, den man für kompetent hielte, die Probleme zu lösen.

Die aus einer Gruppe kommende Frage „Wen soll ich wählen?” ist für einen politischen Bildner, der für einen überparteilichen Verband unterwegs ist, vergleichsweise heikel und ich muss sagen, dass ich zwar gerne jede Frage, welche Partei zwelche Schwerpunkte setzt, beantworte oder Antworten zu Positionen gebe, die bestimmte Parteien faktisch zu der einen oder anderen Frage eingenommen haben. Aber konkrete Wahlempfehlungen als Antwort auf ein komplexes und diffuses Bild der Verunsicherung? Ist das noch Aufgabe der politischen Bildung?

Ich meine, das ist es nicht. Politische Bildung soll Menschen in die Lage versetzen eigene Güterabwägungen zu treffen. Kann ich das erreichen, in dem ich meinen eigenen Güterabwägungsprozess transparent mache? Ganz sicher geht das, – sofern man Zeit hat. Dann ist das sogar ein sehr gut geeignetes Mittel, insbesondere wenn es Themen sind, bei denen man selbst Unsicherheiten hat, weil man an diesen gut aufzeigen kann, das die politische Meinungsbildung nie eine einfache Rechenaufgabe ist und das die Ergebnisse, zu denen jeder gelangt, nie höchst rational sein werden. Dass sie immer eine „unscharfe Annäherung” bleiben. Mit so einem Mittel kann man dann auch gut zeigen, wie es politischen Entscheidungsträgern selbst oft geht. Der politische Prozess ist komplex und kompliziert. Es ist nicht einfach die unterschiedlichen Interessen unter einen Hut zu bekommen. Dies merkt jeder, der ernsthaft anfängt über Prioritäten nachzudenken und dabei auf unterschiedliche eigene und fremde Interessen stößt und diese ernst nimmt.

Aber ein solches Vorgehen die Probleme der politischen Meinungsbildung aufzuzeigen funktioniert in vielen der üblichen zwei-Stunden-Formate eher nicht. Wie also beantworte ich solche weitreichenden Fragen, die ich in einer überparteilichen Funktion noch nie in dieser Häufigkeit gestellt bekommen habe? Was sagt man dann? Was sag ich dann?

Frage ich dann, welche dieser Themen die fragende Person besonders bedeutsam findet und versuche ich mich als menschlicher Wahl-O-Mat? Sage ich dann, wenn gesagt wird „Klimawandel”, „ja dann wählt grün”? Und wenn gesagt wird „ich will weniger Zuwanderung” „dann wählt CDU”? Das ist schwieriges Terrain und so einfach ist das dann doch nicht. Also lieber nicht. Ich sage dann: „Informieren Sie sich. Sprechen Sie mit Kandidatinnen und Kandidaten, lese Sie Programme, nutzen Sie vielleicht den Wahl-O-Maten als ersten Anhaltspunkt mit wem Sie vielleicht sprechen sollten. Gucken Sie im Internet bei Vote Watch nach wie Abgeordnete zu Themen, die Ihnen wichtig sind, abgestimmt haben.” Und natürlich sage ich auch: „Insbesondere aber lesen Sie Zeitung oder gucken Sie regelmäßig die Tagesschau um ein Gefühl dafür zu entwickeln, wie die Parteien sich positionieren.”

Das sind Antworten, die auch in der Vergangenheit in solchen Fällen eine gute Antwortmöglichkeit boten. Ich habe allerdings in den letzten Wochen den Eindruck gewonnen, dass diese Antwort zunehmend weniger trägt, da ich in im Vergleich zu vorigen Jahren viel häufiger auf eine solche Antwort Satzfragmente hörte wie: „in der Tagesschau sagen sie alle das gleiche”, „die Politiker sagen das eine und tun das andere”, „inhaltsleer”, „farblos”, „es gibt keine Charakterköpfe mehr” oder – gerade von den jüngeren – sogar konkrete Verweise darauf, wie bestimmte politische Akteure auf einmal unglaubwürdig versuchen würden, bestimmte Bewegungen für sich einzunehmen, in dem sie sich erst für „Artikel 13” einsetzten und dann dagegen oder sie auf einmal bei Fridays for Futures auftauchen und sich ins Bild drängen würden, um den Eindruck zu erwecken als hätten sie eigentlich schon immer das Gleiche wie die Demonstranten gewollt.

Kurzum: solche Argumente sind nicht neu. Ich habe sie immer schon gehört. Aber so massiv, so oft, wie bei diesen Wahlen noch nie. Dazu kommt ein gänzlich neues Phänomen: ich wurde sehr oft – nicht nur von den jüngeren – auf Kleinstparteien angesprochen. Auf die PARTEI, auf Volt und auch auf DiEM25. Das habe ich bei all den vorigen Wahlen nie erlebt, dass solche Splitterparteien in solchen Veranstaltungen thematisiert werden und sie teilweise auf reges Interesse stoßen.

Mein Eindruck ist, dass dieses sehr stark damit zu tun hat, dass CDU/CSU und ganz besonders die SPD, an Glaubwürdigkeit eingebüßt haben, und viele Wählerinnen und Wähler nun, wo es keine Prozenthürde gibt, überlegen, ob sie jetzt nicht einer kleinen Partei mit neuen und für sie glaubwürdigeren Akteuren die Stimme geben.

Ich habe in der Vergangenheit sehr gegen solche Argumente Position bezogen, in dem ich die Probleme, die eine zu große Zersplitterung der Parteienlandschaft mit sich bringt, aufgezeigt habe. Auch zu Beginn der diesjährigen Mobilisierungskampagnen hatte ich noch diese Position. Jetzt, nach dem ich oft die Argumente jener, die diese Parteien wählen wollen, gehört habe, bin ich mir da nicht mehr so sicher. Denn natürlich ist die Zersplitterung ein Problem; insbesondere weil sie die Regierungsbildung erschwert. Andererseits ist es schon auch richtig: für das Europaparlament gilt dieses Argument im Grunde nicht. Denn zum einen haben wir in Europa keine Regierung, sondern eher eine technokratische Verwaltungsbehörde, womit die Notwendigkeit einer Regierungsbildung weg fällt, und zum anderen haben wir im Europaparlament ohnehin sehr heterogene Gruppen und keine klassischen Fraktionen, die nur aus Mitgliedern einer im Vergleich dazu homogenen Partei bestehen.

So gesehen kann die Wahl von Kleinstparteien, die nur wenige hundertausend Stimmen für ein Mandat brauchen, auch Chance für den Wähler sein, konstruktive Denkzettel zu verpassen. DiEM25 wird so zur Möglichkeit für ehemalige Linke-Wähler, die den nationalorientierten Kurs der Linken untragbar finden. Die PARTEI wird so vielleicht wirklich zur Protestpartei „der intelligenten Protestwähler”, weil der informierte Wähler weiß, dass zumindest bei den wirklich wichtigen Themen (links)liberale Positionen eingenommen werden und Volt wird mit seinem linksliberalen und klar auf Reform der europäischen Institutionen ausgerichtetem Profil für viele Wähler der Mitte ein Ausdrucksmittel, um deutlich zu machen, dass die institutionellen Fragen wichtig bleiben. Das die ungelösten Probleme Europas auch damit zu tun haben, dass das politische System der EU in vielerlei Hinsicht noch ungenügend entwickelt ist.

Und mitunter kann, unter diesen Bedingungen, dann sogar eine Kleinstpartei mit klarem Profil für jemanden wählbar werden, der mit seiner eigentlichen Parteipräferenz überwiegend zufrieden ist, aber mit dem Umgang vieler Spitzenfunktionäre zu institutionellen Themen hadert. Und so lernt dann manchmal auch der politische Bildner aus dem Dialog und entscheidet sich dieses Mal, nicht aus Protest, sondern weil er sein zentrales Thema, die europäische Integration, befördern möchte, eine Kleinstpartei zu wählen, obwohl er das vor einigen Wochen noch kategorisch ausgeschlossen hat. Vielleicht ist sie mit ihrem klaren Profil und der klaren Sprache besser als andere in der Lage, den unbefriedigenden Status Quo zumindest medial zu einem Thema zu machen?

Ich denke, ich wähle dieses Mal Volt und was wählst Du?

Föderalistisches Forum gegründet

Status

Mit Manuel Müller, meiner Vorgängerin im Amt des JEF Bundesvorsitzenden, Yvonne Nasshoven und meinen beiden Nachfolgern Daniel Matteo und David Schrock, sowie zahlreichen anderen klugen und programmatisch orientierten Weggefährten, die mit der Strategielosigkeit unseres Verbands nicht zufrieden sind, haben wir das Föderalistische Forum gegründet, dass als lockerer Zusammenschluss von gleichgesinnten in Zukunft etwas konzertierter versuchen will, die programmatischen und strategischen Debatten in unseren Verbänden zu befördern.

Manuel hat dazu auch etwas im Treffpunkt Europa geschrieben.

Von Widersprüchen der föderalistischen Bewegung

Link

Daniel Matteo, David Schrock und ich schrieben im Treffpunkt Europa über die Unfähigkeit unserer Verbände unsere Grundsatzpositionen adäquat zu vermitteln. Wir glauben, dass neben einer fehlenden Strategie ein zentraler Grund auch in einer problematischen Personalpolitik liegt.

Nachtrag: Aufgrund der großen Resonanz zum Artikel wurde auch eine englische Übersetzung und eine französische Übersetzung erstellt.

Schlussfolgerungen aus den Mitgliederbefragungen von JEF & EUD (Teil 1)

Die JEF stellte 2012 die Ergebnisse einer Mitgliederbefragung vor, die in unserem Auftrag vom Projektbüro Angewandte Sozialforschung der Universität Hamburg durchgeführt wurde. Viele Ergebnisse waren wenig überraschend, da sie fundierte Vermutungen bestätigten. Gleichwohl gab es aber auch eine Reihe interessanter Einblicke, die dabei helfen können, Diskussionen zur Verbandsentwicklung rational zu unterfüttern, da sie es ermöglichen subjektive Eindrücke zu überprüfen.

Die Europa-Union Deutschland führte zwei Jahre später ebenfalls eine Mitgliederbefragung durch, die etwas weniger aussagekräftig und weniger umfangreich war, aber ebenfalls einige aufschlussreiche Ergebnisse lieferte. Da die Auswertung dieser – in diesem Jahr vorgestellten Befragung – für die Arbeitsgruppe Verbandsentwicklung des Präsidiums nützliche Impulse bieten kann, habe ich den Versuch einer Zusammenschau unternommen und möchte diese hier als Anlass und Ausgangsbasis für eine kurze Serie nehmen, in der ich einzelne Aspekte, die ich für besonders interessant oder wichtig halte, kurz vorstelle.

Zum Ende jedes Beitrages werde ich ferner ein paar Thesen formulieren, in der Hoffnung, dass sie dabei helfen mögen, eine fruchtbare Debatte über die Entwicklung unseres Verbandes zu befördern, in dem sie zu Zustimmung oder Widerspruch anregen.

Über die Befragungen

Zum Einstieg in die Serie möchte ich stichpunktartig einen kurzen Überblick über Umfang und Aussagekraft der Befragungen geben:

  • Beide Studien wurden entsprechend wissenschaftlicher Methoden von universitären Einrichtungen durchgeführt.
  • Der Umfang der Befragung der Europa-Union war, da die Befragung im gedruckten Mitgliedermagazin Platz finden sollte, deutlich geringer als jener der Befragung der JEF, da diese nicht nur Fragen mit unmittelbarem Bezug zur Verbandsentwicklung stellte, sondern auch Fragen zu Einstellungen und Haltungen der Mitglieder.
  • Beide Umfragen sind nicht repräsentativ für den Gesamtverband. Die Umfrageergebnisse der JEF-Befragung sind mit hoher Wahrscheinlichkeit repräsentativ für den Aktivenkreis des Verbandes. Die Umfrageergebnisse der Europa-Union hingegen können leider nur Indikator sein. Ein Indikator allerdings besser sein als subjektive Eindrücke einzelner Funktionsträger, die auf kleineren Stichproben beruhen.
  • Leider sind die Umfragen nicht aufeinander abgestimmt worden, so das Vergleiche teilweise nur bedingt oder gar nicht möglich sind. So fragte die JEF z.B. nach Migrationshintergrund von Mitgliedern, die EUD nach der Nationalität.

Wer wurde befragt?

Die Befragten der JEF sind zum überwiegenden Teil Studenten (rund 64%); der Anteil der Schüler liegt bei fast vier Prozent. Dies findet seine Entsprechung auch in der Altersstruktur; zu der festgestellt werden kann, dass die Mehrheit der Aktiven zwischen 22 und 27 Jahren alt ist. Bedeutsam ist ferner die Feststellung, dass der Anteil der 30-35jährigen Aktiven signifikant größer ist, als der Teil der unter 20jährigen.

Damit kann festgestellt werden, dass die JEF zwar ein Jugendverband ist, aber als solcher zum einen sehr studentisch geprägt ist, und zum anderen eine überdurchschnittlich hohe Altersstruktur aufweist. Allerdings ist diese Beobachtung m.E. nicht so dramatisch, wie sie innerverbandlich gelegentlich dargestellt wird, denn auch in vielen anderen Jugendverbänden haben Funktionsträger eine ähnliche Altersstruktur. Insbesondere im Kontext der politischen Jugendorganisationen ist eine derartige Altersstruktur nicht übermäßig untypisch.

Bei den Befragten der EUD sieht das Bild erwartungsgemäß anders aus. Mehr als die Hälfte der Befragten ist im Rentenalter; der Altersdurchschnitt beträgt 58 Jahre. Knapp über ein Fünftel der Befragten ist im JEF-Alter.

In beiden Organisationen lässt sich feststellen, dass Männer überrepräsentiert sind. In der JEF, mit einem 40% Frauenanteil, sieht dies allerdings deutlich weniger dramatisch aus als in der Europa-Union, in der nur rund 26% der Befragten Frauen sind.

Grundsätzliche Ähnlichkeit besteht insbesondere in der Frage des Bildungsstandes der Befragten. Beide Verbände haben eine sehr hohe Akademikerquote. Bei der JEF liegt sie bei mindestens 64%; bei der EUD bei 70%. Der Anteil der Personen, die nur einen Hauptschulabschluss haben liegt bei der JEF bei knapp über einem Prozent, bei der EUD bei rund 2%. Die Zahl der Mitglieder, die mindestens Abitur haben, beträgt in der JEF rund 90%; in der EUD rund 80%.

In der Zusammenschau lässt sich feststellen, dass

  • eine unterdurchschnittliche Beteiligung mittlerer Altersgruppen, sowie von Frauen auffällt;
  • es eine hohe Zahl von über 30jährigen gibt, die in der JEF aktiv bleibt, anstatt in der EUD aktiv zu werden;
  • beide Verbände akademisch geprägt sind und primär formal höher gebildete Menschen ansprechen.

Thesen

  1. Da die Mitgliederwerbung eine der zentralen Herausforderungen der Zukunft sein wird, um die zur Zeit noch große Verbandsgröße zu halten, sollte sich der Verband im Allgemeinen auf Zielgruppen konzentrieren, bei der er mit möglichst wenig Aufwand, möglichst viel erreichen kann, um so Kräfte sinnvoll zu bündeln und Wachstumschancen zu optimieren. Dies schließt nicht aus, dass lokal – etwa im ländlichen Raum – andere Zielgruppen und Strategien sinnvoll sind. Im Hinblick auf den Gesamtverband ist aber festzustellen, dass Akademiker die Zielgruppe sind, die vermutlich am einfachsten für den Verband gewonnen werden können.
  2. Eine zentrale Herausforderung wird es JEF-Mitglieder jenseits der 30 für die Arbeit der Europa-Union zu gewinnen und zu halten. Zentral ist hierbei die Frage zu stellen, warum offenbar ein größerer Teil der Aktiven des Jugendverbandes mit der Mutterorganisation „fremdelt“ und wie die unterschiedlichen Organisationskulturen sich gegenseitig befruchten können.
  3. Die Europa-Union sollte dort, wo Frauen deutlich unterrepräsentiert sind, dafür Sorgen, dass mehr Frauen in Funktion kommen. Rein männliche Vorstände signalisieren eher, dass es sich um ein Old-Boys-Network handeln könnte als um einen heterogenen Verband. Ähnliches gilt vermutlich für Menschen mit Migrationshintergrund, aber dazu gibt die Befragung nicht viel an Daten her.

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