Europaskeptiker sind nicht unsere primäre Zielgruppe

Dieser Artikel ist die Überarbeitung eines Diskussionsbeitrages, den ich für eine geschlossenen JEF-Gruppe schrieb und für den Treffpunkt Europa überarbeitet hatte. Er erschien dort zum Jahreswechsel in leicht gekürzter Fassung.

Spätestens seit dem Beinaheerfolg der Alternative für Deutschland (AfD) und den EU-kritischen Pamphleten der Enzensbergers oder Broders geraten die Europaskeptiker zunehmend stärker in das Zentrum der öffentlichen Debatte. Einige Mitglieder unserer Verbände forderten daraufhin, dass wir uns den Europaskeptikern stärker zuwenden müssten, um sie von den Vorteilen der europäischen Integration überzeugen.

Derartige Vorhaben scheinen mir nicht zielführend, denn es wird uns seltenst nicht gelingen, die EU-Skeptiker für unsere Ideen zu gewinnen… Warum dies so ist, zeigt die Forschung:  persuasive Kommunikation ist schwer, wenn es um die Vermittlung komplexer Sachverhalte geht.

Wir überschätzen die Bedeutung von Argumenten in der Massenkommunikation und übersehen, dass diese nur dann überzeugend wirken können, wenn der Empfänger sie wahrnehmen kann, sie verstehen kann und keine ihnen entgegenstehenden starken Einstellungen entwickelt hat.

Ein klassisches Phänomen der Sozial- und Wissenspsychologie ist zum Beispiel der Perseveranzeffekt. Dieser führt dazu, dass Menschen, die einmal klar Position bezogen haben, große Probleme haben, entgegenstehende Informationen in ihr Weltmodell zu integrieren und deshalb von Argumenten oft nur dann zu überzeugen sind, wenn sie wiederholt mit diesen konfrontiert werden.

Auch in Diskussionen und Reden zählen Argumente oftmals weniger als gemeinhin angenommen. Vor allem Zuhörer die nur eine geringe Sachkenntnis haben werden weniger von Argumenten „überzeugt“ als von anderen Faktoren: zum Beispiel der Attraktivität des Redners oder seiner Eloquenz. Auch der gesellschaftliche Status trägt zur Überzeugungskraft bei. Dies gilt insbesondere dann, wenn der Status eine Expertise vermuten lässt, wie es bei den Professorentiteln der AfD’ler der Fall ist.

Ein großes Problem im Umgang mit Euro-Skeptikern etwa ist, dass es sehr viel Fachwissens bedarf um eigene Urteile fällen zu können. Die meisten Argumente werden deswegen wahrscheinlich anhand ihrer Plausibilität bewertet werden.  Wenn etwa gegen Formen der Gemeinschaftshaftung gewettert wird, dann bemüht die AfD dabei den Grundsatz, „wer Schulden macht soll auch dafür gerade stehen“. Dieses Haftungsprinzip macht gemeinhin viel Sinn; – und gilt auch für den EU-Kontext, denn die ordnungspolitischen Argumente sind durchaus gültig. Wenn dieses plausible Argument aber aufgrund einer allgemeinen Regel, einer Heuristik, verallgemeinert wird, dann ist dies der Komplexität des Problems in der Sache natürlich nicht angemessen.

Für die Massenkommunikation unserer Verbände scheint mir insofern die wichtigste Zielgruppe jene zu sein, die eher unentschlossen ist, die Zweifel hat, aber die aber keine verfestigte „Skepsis“ aufweist.

Der zentrale Schlüssel für die erfolgreiche Ansprache ist m.E. die bestehenden Probleme klar zu adressieren und konstruktive Lösungsvorschläge anzubieten. Dabei sollten wir auch deutlich machen, dass der politische Gegner zwar einige reale Probleme klar benennt, aber nur destruktive Lösungen anzubieten hat. Das „Europa ist toll-Gejubel“ früherer Zeiten, das trägt nicht mehr.

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